Pantli

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Die Arbeiterkolonie Pantli / Schweizersbild

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  • Abbruch eines Hauses(öffnet vergrössertes Bild in neuem Fenster)

Die Bilder wurden uns freundlicherweise von Dr. Peter Scheck, Stadtarchivar Schaffhausen, zur Verfügung gestellt.

Die Kolonie Schweizersbild

Die erste bedeutende Strukturveränderung der Bauerngemeinde Stetten geht auf die Zeit des ersten Weltkrieges zurück, als am Rande des Gemeindebannes die Kolonie Schweizersbild erbaut wurde.

Über deren Entstehung lesen wir in der Schriftenreihe zum 150. Jahrestag der Begründung der +GF+ Werke "Soziales Wirken": Die zweite Periode der Tätigkeit unseres Unternehmens im sozialen Wohnungsbau dauerte von 1916 bis 1921. Sie war beherrscht von der allgemeinen Wohnungsnot, die während der Kriegsjahre ein katastrophales Ausmass annahm und die Unterbringung der zuwandernden Arbeiter sozusagen unmöglich machte. Unter diesem Übelstand litt namentlich das abseits gelegene Werk Birch. Aus dieser Situation heraus erwuchs 1916 der Plan, auf einer unweit vom Werk, auf Gemarkung Stetten gelegenen Terrasse eine Kolonie ins Leben zu rufen, die nach der benachbarten prähistorischen Stätte "Schweizersbild" getauft wurde. Den Zeitumständen entsprechend, die eine weitgehende Selbstversorgung als ratsam erscheinen liessen, verband man die in Reihenhäusern untergebrachten 26 Wohnungen mit kleinlandwirtschaftlichen Gebäuden und teilte ihnen eine entsprechende Fläche Garten-, Wies und Weidland zur Bewirtschaftung zu. Der Siedler sollte imstande sein, Kleinvieh zu halten und so mit Bezug auf Milch, Gemüse und Obst aus dem eigenen Anwesen zu leben.
Architekt Arnold Meyer aus Hallau entwarf die Siedlung. Gebaut wurde sie vom Oktober 1916 bis März 1918. Die Baukosten betrugen Fr. 36.- pro m3 umbauten Raumes, was bei einem Gesamtvolumen von 16400 m3 einen Gesamtkostenbetrag von Fr. 591'500.-- ausmachte.
Diese interessante Lösung einer Arbeiter-Kolonie wurde nicht wiederholt. Die Erfahrung lehrte, dass die Verbindung von Fabrikarbeit und Kleinlandwirtschaft nicht befriedigte. Es hatte sich nämlich gezeigt, dass gerade die Eifrigen und Fähigen unter den Siedlern Gefahr liefen, von der Arbeit in Stall und Feld über Gebühr in Anspruch genommen zu werden. Als Ganzes aber ist das Ziel, kinderreiche Familien in eine von der Stadt gelöste Landschaft, mitten in das selbständigere, aber auch einfachere Landleben mit seinen Freuden und Mühen hineinzusetzen, erreicht worden.
Während der Krisenjahre und während des zweiten Weltkrieges standen die "Pantlianer" besser da als jene Arbeiter, die in der Stadt privat eine Wohnung mieten mussten. Die teilweise Selbstversorgung musste wohl hart erarbeitet werden, doch dieser Aufwand brachte in diesen schweren Zeiten eine gewisse Sicherheit und Unabhängigkeit. Eigenartigerweise blieben die "Pantlianer" trotz der geschilderten Vorzugsstellung gesellschaftlich immer Aussenseiter.
Die meisten "Panlianer" hörten schon während des Krieges mit der Haltung von Kühen auf. Man hielt vor allem Kleinvieh und betrieb Gartenbau, so dass eine Selbstversorgung auf Teilgebieten immer noch gewährleistet war. Erst in den letzten Pantlijahren, als der aufkommende Wohlstand auch vor dieser Kolonie keinen Halt machte, liess die Bewirtschaftungsintensität nach.
Man darf sagen, dass das Verhältnis der Stettemer zu den Pantlianern während all der Jahre gut war, obwohl oft verschiedene politische Meinungen vertreten wurden. Stettemer wie Pantlianer waren aber zu wenig extrem und militant, als dass sich das Verhältnis längerfristig hätte trüben können. Die Kinder besuchten in Stetten die Schule. Diese bereitete manchen viel Mühe. Dazu war der Schulweg lang, dafür erlebnisreich, im Winter aber oft hart. Mehrere erfolgreiche Klassenzusammenkünfte der letzten Jahre zeigen, dass viele gute Erinnerungen zurückgeblieben sind.

Nach dam Krieg begann die Stadt immer mehr gegen Herblingen zu expandieren. Damit rückte auch das Pantli der Stadt immer näher. Die Pantlianer begannen sich mehr und mehr nach der Stadt zu orientieren. Die Verbindungen nach Stetten pflegten nur noch einige traditionelle Pantlianer Familien. Von diesen sollen die Webers speziell erwähnt werden. Ernst Weber diente der Gemeinde Stetten während langer Jahre in verschiedenen Ämtern, zuletzt im höchsten, dem eines Gemeindepräsidenten.
Während der Sechziger Jahre begann der unaufhaltsame Abstieg der Kolonie. Der allgemein steigende Wohlstand machte auch vor dem Pantli keinen Halt. Autos wurden vor den Wohnungen parkiert, ehemalige Ställe in Garagen umfunktioniert. In vielen Stuben flimmerten Fernsehapparate. Stimmen nach vermehrtem Komfort der Wohnungen wurden laut. Doch die +GF+ Werke konnten und wollten aus Kostengründen diese Wünsche nicht erfüllen.
Die Idee der Selbstversorger-Kolonie war nur noch Legende. Viele, zum Teil auch alteingesessene Pantlianer, verliessen die Kolonie und suchten komfortablere Unterkünfte. Der Wunsch nach eigenem Badezimmer, Zentralheizung, kaltem und warmem Wasser war grösser als der Hang zu Altem, Liebgewonnenem. Ende der Sechziger Jahre gelang es der Liegenschaftenverwaltung nicht mehr, das Pantli schweizerischen Mietern schmackhaft zu machen. Ausländerfamilien, denen ein niederer Mietzins mehr bedeutete als Komfort, bezogen die leerstehenden Wohnungen. Damit waren die letzten Traditionen gebrochen. Anfangs der Siebziger Jahre begannen auch viele der Ausländerfamilien aus dem Pantli auszuziehen. Langsam aber sicher wich das Leben aus der Kolonie. Anfangs 1975 waren gerade noch 4 der 26 Wohnungen bewohnt.
Im Jahre 1972 war erstmals von einer Grossüberbauung Pantli die Rede, der die alte Kolonie hätte weichen müssen. Diese war gigantisch geplant. Auf 90'000 m3 sollten 550 Wohnungen mit umfassender Infrastruktur entstehen. Zu Beginn der Rezession, in Anbetracht der rückläufigen Bevölkerungsentwicklung entschied man, vorläufig mit der Grossüberbauung zuzuwarten.
Am 16. Mai 1975 wurde die alte Kolonie Schweizersbild in einer Überraschungsaktion abgerissen. Damit waren die +GF+ Werke einer geplanten Besetzung der Wohnungen durch extreme Kreise zuvorgekommen.
Zum Schluss darf gesagt werden: Die Kolonie Schweizersbild, das Pantli, die als Pioniertat entstanden war, die aber nicht halten konnte, was man sich von ihr versprach, hätte es verdient, eines würdigeren Todes zu sterben. 

Hans Frischknecht erzählt aus den 20. Jahren

Zu meiner Zeit hielten sich die Familien, neben der schweren Arbeit bei der Firma +GF+, einen kleinen Viehbestand. Kühe wurden gemeinsam gehütet, Schweine gemästet und geschlachtet. Das Fleisch, das über den Eigenbedarf hinausging, wurde verkauft, was jeweils ein willkommener Zustupf zu dem kleinen Einkommen war. Hasenställe wurden selbst angefertigt, die Hasen bis zur Schlachtreife gefüttert und an Feiertagen gebraten und verspeist. Aus den jeder Familie zugeteilten Pflanzplätzen wurde jede Sorte Gemüse gewonnen. Wir Kinder hatten bei diesem grossen und strengen Arbeitsanfall kräftig anzupacken und kaum Zeit, die schöne Umgebung zu geniessen.
Kinderreiche Familien hatten damals Mühe, eine ihnen räumlich und finanziell passende Unterkunft zu finden. Sie waren deshalb froh, in der Kolonie Pantli eine Bleibe gefunden zu haben. Den absoluten Rekord an Kindersegen hatte ein Ehepaar mit 14 Kindern, davon zweimal Zwillinge. Wo und wie diese geplagten Eltern ihre Kinder in der Vier-Zimmerwohnung unterbrachten, ist mir heute noch ein Rätsel.
Seltenheitswert hatte das am Rande stehende kleine Mehrzweckgebäude mit dem Beinamen "Sprützehüsli". Darin waren untergebracht: Das Feuerwehrmagazin mit Schlauchwagen und Auszugleiter, die Transformatorenstation für Licht und Kraft und ein Waschraum mit Badewanne. Einmal im Monat konnten die Hausfrauen im Waschraum ihre Wäsche waschen und mit ihren Angehörigen ein Bad nehmen. Die dem Pantli zugeteilte Feuerwehr ist meines Wissens nie zum Einsatz gekommen, gelöscht werden musste immer nur der Durst nach den Übungen.
Interessant für uns Kleinen war zu beobachten, wie Monteure der Firma +GF+ eine Drahtseilbahn vom Werk IV bis hinter das Pantli erstellten. An den Seilen aufmontierte Rollwägeli transportierten Abfall und Schlacke aus den Giessereiwerken, womit das Tal im "Brand" später aufgefüllt wurde.
Probleme mit unserer knapp bemessenen Freizeit kannten wir nicht. Wenn nicht "kriegerische" Auseinandersetzungen mit unseren Stettemer Schulkameraden auf der Tagesordnung standen, durchstreiften wir die nahen Wälder oder forschten im "Kegel" nach Überresten der Höhlenbewohner.
Der lange Schulweg bis Stetten hatte für uns seine Reize, wie auch seine Tücken. Die ersten Kontakte mit dem zarten Geschlecht vertieften sich öfters zu langanhaltenden Freundschaften. Im Winter, wenn oft Schnee bis weit über unsere Knie lag und der Pfadschlitten aus Stetten Mühe hatte, durchzukommen, gab es Verspätungen, die einem geordneten Schulbtrieb nicht förderlich waren. Unterrichtet wurde in zwei Klassenabteilungen. Die erste bis vierte Klasse waren die Unterschule, die fünfte bis achte Klasse waren die Oberschule. Bis zu 140 Kinder in allen Klassen besuchten in jener Zeit aus dem Pantli die Schule in Stetten.

Rosmarie Röthlisberger erzählt aus den 50/60 Jahren

"Es ist noch nie etwas Rechtes aus dem Pantli gekommen!" stellte mein Religionslehrer in der Realschule fest. Dies war das erste Mal, da ich mich fragte, ob es etwas Schlechtes sei, im Pantli geboren und aufgewachsen zu sein. Die Episode mit dem Religionslehrer war bald vergessen, da keiner der andern Lehrer oder Mitschülerinnen mich wegen meines Wohnortes verspotteten oder geringer achteten. Ja, es gab sogar Verehrer, die auch der weite Weg ins Pantli nicht davon abhielt, mich heimzubegleiten oder abzuholen.
Der zweite Schock war schon grösser, als nämlich die Firma +GF+ sich entschloss, das Pantli dem Erdboden gleichzumachen, als müsste man hier etwas vernichten, das nur negative Ergebnisse gezeigt hatte. Zu diesem Zeitpunkt war mein Jahrgang längst erwachsen und meist von zu Hause weggezogen. Vielleicht gerade darum gingen viele Gedanken zurück an den Ort, wo man eine glückliche Jugendzeit verbracht hatte. Zugegeben, im Pantli wohnten viele einfache und manchmal allzu zahlreiche Familien, und trotzdem müsste man lange suchen, wollte man einen Pantlianer finden, aus dem nichts Rechtes geworden ist. Also können wir doch mit Recht stolz sein auf unser Pantli, auf unsere tüchtigen Väter und auf unser Heim, das uns auch ohne moderne sanitäre Anlagen die nötige Geborgenheit gab.
Ich erinnere mich noch gut an die ersten sonnigen Frühlingstage. Der Wald im April war übersät mit tausenden von blauen Leberblümchen und den weissen Sternen der Buschwindröschen. Wir banden sie zu kleinen Sträusschen und brachten sie den Hausfrauen an die Tür. Dann gab es viele Samstage, da wir den Eltern beim Holzen und "Wellen" machen helfen mussten, um für den nächsten Winter vorzusorgen. Voller Stolz wurden dann die sorgfältig gebundenen Wellen und die kunstvoll errichtete Scheiterbeige den Nachbarn und Spaziergängern präsentiert.
Wenn die Tage länger wurden, durfte man auch nach dem Nachtessen noch im Freien spielen und vergnügte sich bis zum Einnachten. Beim "Versteckisspiel". Manchen Abend sassen wir auf dem Waldbänkli und spielten zu dritt Gitarre, während alle beim Singen der neusten Schlager von Elvis und Freddy halfen. Natürlich gab es auch Regentage, die sich am penetranten Geruch der Jauchegruben ankündigten. Meist sammelten wir Jungen uns dann irgendwo in einem Schöpfli; die Velos wurden ausgeräumt, ein Plattenspieler aufgestellt und die ersten Tanzschritte gewagt.
Eine grosse Verbundenheit zwischen Gleichaltrigen schuf natürlich der gemeinsame Schulweg nach Stetten. Meist gingen die Unterschüler zu Fuss, die Grösseren besassen irgend ein altes Rücktrittvelo. Diese verhalf einem zur sicheren Flucht, wenn man auf dem Heimweg einem Stettemer Bauern Früchte vom Kirsch- oder Apfelbaum stibitzt hatte. Im Winter gar konnten wir alle mit dem Schlitten losziehen. Wir durften unser Mittagsbrot in der Schule essen und freuten uns auf eine schnelle Schlittenfahrt durch den Wald heim ins Pantli. Die wenigen Autos, die hier fuhren, waren noch keine Gefahr und der Schnee hielt auf der noch ungeteerten Strasse oft wochenlang.
Eigentlich haben wir im Pantli uns nie als Stadt-Schaffhauser gefühlt, auch wenn wir der Kirchgemeinde vom Münster und später der Zwinglikirche zugeteilt waren, auch wenn wir die Post aus der Stadt zugestellt erhielten, auch wenn über eine Eingemeindung in die Stadt gesprochen wurde, da wir für Stetten natürlich keine sehr interessanten Steuerzahler waren. Wir Kinder fühlten uns wohl mit den Stettemer Kindern zusammen, auch wenn der Lehrer manchmal seufzte, wenn bereits das fünfte Kind aus einer nicht allzu sehr begabten Pantlifamilie zu ihm in die Klasse kam.
Doch unsere Namen, wie Hanspeter und Ruedi, Dorli und Ursula passten gut zu den Namen der Bauernkinder: Trudi und Marianne, Kurt und Hans. Wir gehörten zu Stetten, die Kinder gingen dort zur Schule und die Väter zur Gemeindeversammlung. Wir feierten zusammen Weihnachten, das Examen und den 1. August. Es gab Pantlianer in der Schulbehörde, im Gemeinderat und einmal sogar einen Gemeindepräsidenten.